oO°verlesenes
allein schon wegen des covers... aber noch mehr wegen des inhalts: lesen!
ein buch längs durch meine welt. ich habe es geatmet, inhaliert und nicht mehr herausgelassen.
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"Etwas am Vorherigen bliebe, unaufhebbar, unaufgehbar. Wenn es auch nur eine infinitesimale Differenz war, ähnlich wie bei einer Hyperbel, die sich zwar in ihren Zweigen unendlich der Asymptote nähert, sie jedoch nie erreicht. Ein Ihriger wird man nicht." (s. 99)
"Zum ersten Mal in seinem Leben kondolierte er. Und schrak zusammen: Jetzt bin ich erwachsen." (s. 221)
"Dr. Tannenzapf meldete sich zu Wort: "Könnt ihr euch ausmalen, ihr beiden Christenmenschen, womit euer Gott Glück hat? Daß er täglich ans Kreuz geschlagen wird. Sonst wäre er nicht zu ertragen."" (s. 239)
"Clemens dachte bekümmert: Will ich jemanden nicht sehen, schließe ich die Augen. Aber die Ohren kann ich nicht herunterklappen, wenn ich etwas nicht hören will." (s. 298)
"Sie hockten hinten auf der Pritsche, die Füße schleiften im Staub. Es war ihnen alles eins. Clemens spürte eine Trennwand zwischen sich und ihr. Sie, durch ihre Sakramente gereinigt an Leib und Seele, konnte fröhlich darauflossündigen. Und er? Wer ersäufte den alten Adam in ihm, wie der verketzerte Luther es gebot? Clemens rückte unmerklich weg von Rodica, damit sie durch ihn nicht Schaden erleide in ihrer keuschen Makellosigkeit." (s. 366)
"Aus der Dunkelheit erklang ihre Stimme seltsam körperlos. Schutz und Schirm aber biete sich an, wenn für beide die Begegnung des Anfangs zu einer Geschichte werde, die allein den beiden gehöre. "Ein Cousin von mir sprach von einem Mythos des Ursprungs, in dem die große Liebe für beide aufgehoben sei und in dem sich beide erkennen könnten. Es geht um die erste gemeinsame Geschichte, zu der sich jeder hinflüchten kann, wenn der Liebe Gefahr droht. Das Wort Legende ist mir lieber."
Er sagte abweisend: "Das ist die Romantik der ersten Stunde. Die verfliegt."
"Vielleicht." Dann nämlich, wenn die Romantik des Anfangs nicht zu einer Geschichte werde, die die beiden begleite. "Daran gehen viele Ehen kaputt."
Über die tragisch beendete Ehe ihres Cousins seien ihr diese Gedanken gekommen. In der Familie wurden die Vorkommnisse, wie er seiner Frau auf abenteuerlich-romantische Weise begegnet war, als die schönste Liebesgeschichte beschworen, sans pareil. Eines Morgens beim Frühstück aber fuhr seine Gattin ihm über den Mund: Larifari, Mythos des Anfangs. Wenn der Wagen vorbeifährt, überlegt man nicht lange und springt auf, wer immer der Kutscher ist. Alles andere kommt nachher oder kommt nie.
"Und weißt du, was das Ende war? Mein Cousin erhob sich, faltete die Serviette zusammen, küßte seine Frau auf die Stirne, sagte: Bis bald. Und ging in den Park und erschoß sich. Er war halt ein Ungar."" (s. 518/19)
ein anspruchsvolles buch, ein intelligentes buch; ein buch, das unaufdringlich zum denken verführt. so sollte literatur im besten falle sein.
"Was aber Ruth und die Politik betraf, so vermute ich, daß ihre politische Tat darin bestand, ihr Leben hindurch den Amokläufer in sich niederzukämpfen, wörtlich genommen." (s. 35)
"So müßte ich all diese Augenblicke, immer weitere, hintereinander herwerfen und in einem glatte, tiefen Teich versenken, der aber durchsichtig ist, in dem sie, sobald ich mich über ihn beuge, sacht wehend und grünlich alle, hochschimmern, ein erwiderungsloses, ein wissendes Auge." (s. 48)
bald darauf habe ich abgebrochen. es ist zu verdichtet; für kurzprosa eine feine sache, aber nicht über die länge eines ganzen romans. mir ging es irgendwann ungut auf die nerven.
"Da drehte sie sich noch einmal um und sprach ihn auf Latein an: "Caput tuum in ano est."" (s. 630)
"Merthin erinnerte sich, wie stolz sein Vater gewesen war, als Ralph zum Grafen erhoben wurde. Er sah jedoch deutlich, daß er selbst nie so denken würde. Auf Roley würde er stolz sein, ganz gleich, was er tat, solange er es gut machte. Vielleicht wurde der Junge ein Steinmetz und fertigte Bildnisse von Heiligen und Engeln an. Vielleicht wurde er ein kluger, gnädiger Edelmann. Oder er tat etwas ganz anderes, etwas, womit seine Eltern nie gerechnet hätten." (s. 1280)
tausenddreihundert seiten feinster mittelalterroman zum abtauchen. ich hätte nie gedacht, daß den "Säulen der Erde" ein ähnlich mitreißendes monument folgen könnte.
(...aber hier sind jetzt alle froh, daß ich die schwarte durch habe; ich war zeitweise kaum ansprechbar ;)
"Sie war dabei, sich auf etwas Unheilvolles einzulassen. Das wußte sie. Sie spürte es an einer bestimmten Stelle in ihrem Körper, die sie nicht benennen konnte; für Raúl war es ein schwarzes Loch, aus dem, wie er sagte, die Erzählungen und Romane aufstiegen, wenn sie nur lange genug im Dunkeln gereift waren; eine Art Gully, in dem die Erfahrungen, Erinnerungen, Frustrationen und Sehnsüchte faulen, bis sie zu literarischem Stoff vergoren sind, laut Raúl, links unterhalb des Herzens gelegen." (s. 36/37)
"(...) und unsere Liebe war wie das Mittagslicht, warm und ohne Schatten." (s. 94)
"Die Fiktion ist wie ein halbfestes Metall: Sie wälzt sich wie ein zähflüssiger Strom auf uns zu, und wir formen sie dann nach unseren Vorstellungen. Und wenn sie dann erkaltet, behält sie für immer diese Form. Fatalerweise halten wir es mit der Wirklichkeit genauso und verkaufen das, was wir aus ihr machen, als objektive Wahrheit, dabei versuchen wir doch nur, den Leuten vorzumachen, daß es eine Wahrheit gibt und daß diese noch dazu objektiv ist. Die Fiktion legt zumindest offen, daß es einen Erzähler gibt, der die Fakten auswählt, den Stoff in eine Form bringt und nach eigener Erwägung auch Dinge wegläßt. Im wirklichen Leben ist es genauso, aber das will niemand sehen. Es ist nicht anders als bei der Fiktion: Wenn sie erkaltet, wird sie hart und ist nicht mehr zu verändern." (s. 250)
""(...) Es gibt Dinge, die scheinen nie zu kommen, und dann sind sie plötzlich schon vorbei."" (s. 254)
"Das Gedächtnis ist wie ein dunkler Garten, dachte Yves, wie ein schattiger, nach Norden ausgerichteter Garten, in dem nur wenige Pflanzen gedeihen, Schattengewächse, die nur zögerlich sprießen und wachsen, mit Mühe nach oben streben zu dem spärlichen, ihnen zugestandenen Licht." (s. 417)
der läuft einfach; ist wie eine gute zwischenmahlzeit.
"Er wiegte sich auf der Türschwelle hin und her und klatschte in die Hände. In Zeiten des Überflusses in Ekstase zu geraten, war doch keine Kunst! Die wahre Größe bestand darin, sich der Freude hinzugeben, wenn einem das Wasser bis zum Hals stand." (s. 682)
ein epos - ein epos, wie man es von singer kennt.
singer begleitet mich nun schon so lange; seit zwanzig jahren immer wieder. wenn ich ein buch von ihm aufschlage, fühlt es sich an, als würde ich einen guten alten freund besuchen.
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"(...) Daß man um eine Liebe so lange trauere, wie sie gedauert hat, hatte ich einmal gelesen und hoffte, es werde mir im Frühling bessergehen. Als ein Brief von Barbara kam, der Umschlag nicht dick, der Inhalt, so schätzte ich, eine Seite, trug ich ihn eine Weile mit mir herum, bis ich ihn ungelesen zerriß und wegwarf." (s. 129/30)
"Offensichtlich hat es die Geschichte nicht eilig. Sie respektiert, daß im Leben gearbeitet, eingekauft, gekocht und gegessen werden muß, daß sich Behördengänge, sportliche Aktivitäten und Treffen mit Verwandten und Freunden nicht einfach erledigen. Vermutlich war es in der französischen Revolution nicht anders gewesen. Wenn man am 14. Juli die Bastille stürmt und nicht arbeitet, muß man sich am 15. an das machen, was in der Schuhmacher- oder Schneiderwerkstatt liegengeblieben ist. Nach dem Morgen bei der Guillotine geht´s am Mittag wieder ans Nageln und Nähen. Was soll man den ganzen Tag in der gestürmten Bastille? Was an der offenen Mauer?" (s. 202/03)
zum dritten mal schlink und zum dritten mal begeistert. diese klare sprache, diese inhalte. hochgradig empfehlenswert.
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"Er trat auf mich zu und sagte mit leiser Stimme etwas, das mir ein wenig Angst einjagte: 'Vergiss nicht, Amir Aga. Es gibt kein Ungeheuer, bloß einen wunderschönen Tag.'" (s. 69)
"Ich steckte das Foto unter das Kissen zurück. Plötzlich fiel mir noch etwas auf: nämlich, dass mich dieser letzte Gedanke gar nicht schmerzte. Ich zog die Tür zu Suhrabs Zimmer hinter mir zu und fragte mich, ob womöglich gerade auf diese Weise Versöhnung zustande kommt. - eben nicht mit dem Fanfarenstoß göttlicher Inspiration, sondern ganz heimlich, wenn der Schmerz nachlässt und sich unversehens mitten in der Nacht davonmacht." (s. 365)
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"Kasper hatte die Vertrautheit seiner Eltern hören können, auch die Leidenschaft, die Vorsicht. Er hätte es nicht in Worte fassen können. Aber er hatte gespürt, wenn man ein Zuhause erleben will, das tief und offen und natürlich ist, wie Bachs Musik und die großen Katzen der Savanne, dann kostet es was, dann kostet es das Risiko, sein Leben in der Nähe zweier Pole zu verbringen, deren Spannungsunterschied hoch ist." (s. 285)
"Gebrauchen wir die Worte nicht in erster Linie, um die Wirklichkeit aufrechtzuerhalten? Damit wir nicht sehen müssen, was sich auf der anderen Seite verbirgt?" (s. 293)
"Oshima sieht mir in die Augen. "Weißt du, mein lieber Kafka, was du augenblicklich empfindest, ist das Thema vieler griechischer Tragödien. Nicht der Mensch bestimmt sein Schicksal, sondern sein Schicksal bestimmt ihn. Diese Weltsicht liegt den griechischen Tragödien zugrunde. Und die Tragödien werden - nach der Definition von Aristoteles - paradoxerweise eher von den Vorzügen der Betroffenen ausgelöst als von ihren Mängeln. Verstehst du, was ich meine? Nicht durch seine Fehler, sondern durch seine Qualitäten wird der Mensch in die große Tragödie hineingezogen (...)." (s. 275)
""Mit fünfzehn habe ich mir auch immer gewünscht, in eine andere Welt zu gehen." Frau Saeki lächelt. "An einen Ort so weit, dass keine Hand ihn erreicht, und an dem die Zeit nicht verfließt."
"Aber einen solchen Ort gibt es nicht auf dieser Welt."
"Genau. Deshalb muss ich ja auch hier leben, wo die Menschen Schaden erleiden, die Herzen sich wandeln und die Zeit unaufhaltsam vergeht." Eine Weile schweigt sie, wie um den Fluss der Zeit zu unterstreichen. Dann fährt sie fort. "Doch, ich glaube, wenn man fünfzehn ist, gibt es bestimmt irgendwo auf der Welt einen solchen Ort. Und du kannst den Eingang zu dieser anderen Welt irgendwo entdecken."" (s. 340/41)
"Auf der Welt gibt´s eben verdrehtes Zeug."
"Wie?"
"Du kapierst das nicht, aber durch das Verdrehte erhält die Welt erst ihre dreidimensionale Tiefe. Wenn man alles gerade haben will, muss man in einer rechtwinkligen Welt wohnen."" (s. 355)
"Nach dem Essen hörte er wieder das "Erzherzog-Trio".
"He, Stein, alter Junge", sagte Hoshino am Ende des ersten Satzes. "Ist das nicht eine tolle Musik? Geht dir nicht das Herz auf, wenn du das hörst?"
Der Stein schwieg. Der junge Mann wusste nicht, ob Steine Musik hören können oder nicht. Trotzdem redete er unverdrossen weiter auf den Stein ein.
"Du hast es den ganzen Vormittag über gehört - bis jetzt habe ich ziemlich viel Mist gebaut. Nur an mich gedacht. Das kann ich jetzt nicht mehr rückgängig machen, stimmt´s? Aber wenn ich diese Musik höre, habe ich das Gefühl, als würde Beethoven zu mir sagen: 'He, Hoshino, mein Junge, es kommt eben so, wie es kommt. So ist das Leben. Ich hab selber ziemlich viel Mist gemacht. Nicht zu ändern. Schicksal. Also, halt jetzt einfach mal die Ohren steif.' Natürlich würde einer wie Beethoven nicht predigen, aber irgendwie kommt´s mir so vor, als würde er mir das vermitteln wollen. Dir nicht auch?"
Der Stein schwieg.
"Macht nichts", sagte der junge Mann. "Das ist ja auch nur meine persönliche Meinung. Dann hören wir eben zu, ohne uns zu unterhalten."" (s. 585)
es läßt einen rätseln; rätseln über die zusammenhänge und bedeutungen. allegorisch bis zum anschlag. und mystisch.
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